Autorenporträt: Wilhelm Genazino


   

Weil das Wünschen nicht müde wird, auf Paradiese zu hoffen

Der lachende Nebenmensch ist eine seiner Lieblingsgestalten: jemand, der ein Gespür für die Poesie von Kaffeesahnebehältern, chemischen Reinigungen und Wursttheken hat, unter „innerer Verflusung“ leidet, an Bürojobs und Fußgängerzonen zugrunde zu gehen droht und sich durch die Kraft der Wahrnehmung und des Witzes aus der Absurdität des Daseins befreien kann. Seit den 70er Jahren kultiviert Wilhelm Genazino, 1943 in Mannheim geboren und diesjähriger Büchner-Preisträger, sein Interesse für Schattengestalten: „Abschaffel“, Angestellter einer Speditionsfirma und Protagonist einer ganzen Trilogie, ist derartig randständig, dass er sich fortwährend aufzulösen scheint. Das dreibändige Protokoll seiner Existenz ist zugleich eine Schilderung der bundesrepublikanischen Wirklichkeit jener Jahre mit ihrem lähmenden Normalitätswahn.
Verschwinden und Scheitern zählen zu den Grunderfahrungen von Genazinos Figuren, aber sie bewahren dabei eine große Würde. Der Einläufer von Luxusschuhen aus „Ein Regenschirm für diesen Tag“ (2001) etwa, der gerade von seiner Freundin verlassen wurde, kann sich aus seiner inneren Haltlosigkeit durch die Betrachtung von Gestrüpp, das neben einer Bank wächst, retten. Es scheint ihm das treffende Wort für die Gesamtmerkwürdigkeit des Lebens zu sein. Augenblicke von Freiheit oder kleine Epiphanien sind auch dem Helden aus dem wunderbaren Buch „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“ vergönnt, der als Lehrling einer Firma und Lokalreporter eine Doppelexistenz führt. Der 17-Jährige kann bei der Betrachtung seiner Frühstücksutensilien plötzlich erste Wörter aufzucken sehen. Der Tod einer Freundin, die vielleicht die große Liebe seines Lebens war, führt ihn tiefer an das Ureigene heran: „Die Nachricht verlangsamte mein Denken“, kommentiert er. „Literatur ist ein Versuch, mit dem Schmerz zu sprechen“ erläutert Wilhelm Genazino in seinem neuesten Essayband „Der gedehnte Blick“ das Unerklärliche des Schreibens. Dass der Frankfurter Schriftsteller endlich die verdiente Beachtung findet und dieses Jahr mit dem wichtigsten deutschen Literaturpreis geehrt wird, ist eines der schönsten Ereignisse im deutschen Kulturbetrieb.
Maike Albath

Die Sehnsucht der „kleinen Leute“, Ausbruchsversuche und der Traum von einem anderen Leben prägen leitmotivisch Genazinos Werk. „Von der Sehnsucht, die eine Schimäre ist und ein Spiel – unstet und launisch, beschämend und unwürdig, großartig und tröstlich weil das Wünschen nicht müde wird, auf Paradiese zu hoffen“ ist die Überschrift eines Textes von Wilhelm Genazino, der in der Basler Zeitung veröffentlicht wurde: „(...) In den achtziger Jahren lebte in der Frankfurter Innenstadt eine geistesgestörte Frau, die mit einem Wägelchen durch die Straßen zog, dabei manchmal die Arme schwenkte und dazu fast immer redete beziehungsweise schimpfte oder schrie. Sie blieb oft stehen und betrachtete die vorüberflutenden Passanten. Die Leute gaben sich Mühe, die Frau nicht zu beachten, aber das Desinteresse war nur gespielt. In Wahrheit waren sie stark an den Lebensäußerungen der Frau interessiert. Sie beobachteten sie überdeckt, in den Spiegelungen der Schaufensterscheiben oder hinter geparkten Autos. Ich beobachtete die Frau und ihre Beobachter, und ich fragte mich oft, was an der verwirrten Frau interessant war. Lange nahm ich an, dass sich die Beobachter nur nach einer Unterbrechung ihrer gewöhnlichen Eile sehnten. Inmitten der allgemeinen und gleichzeitig leeren Geschäftigkeit war die gestörte Frau ein wunderbar lebhafter Moment. Dann glaubte ich, dass es die offenbar starke Sehnsucht der Frau selbst war, von der die Verlockung ausging. Und es war möglich, dass durch den Anblick der Frau die Schuld der Sehnsucht offenkundig wurde, die Schuld der Teilhabe am vergeblich bleibenden Wünschen. Meine letzte Vermutung war: Die Frau sehnte sich offenkundig zurück in die Zeit, als sie noch beruhigt werden konnte. Vielleicht war diese absolut gewordene Sehnsucht sogar der Grund für ihre Verrücktheit. Und sie könnte das Interesse ihrer heimlichen Beobachter erklären. Denn man muss nicht selbst verrückt sein, um sich nach einer Zeit zurückzusehnen, in der man noch beruhigt werden konnte. Manchmal unterbrach die Frau ihr Schimpfen und Schreien und winkte ihren Beobachtern wie aus weiter Ferne zu. Es war, als würde durch dieses Winken die riesige Entfernung angedeutet, die uns von der Erfüllung dieses Wunsches trennt – und die die Sehnsucht danach so wirklich macht.“

Fr, 27.8.2004, 20 Uhr, Markgrafentheater
Eintritt: von 5,–/erm. 3,50 bis 9,50/erm. 8,– Euro