
Riesenmaschine – Altar des Alltags
Eine Rauminstallation
Die Riesenmaschine beschäftigt sich mit Gegenwart und Zukunft, Zeiten, in denen die Götter und Schutzheiligen der Vergangenheit nicht mehr in allen Lebenslagen weiterhelfen können. Statt Bienensegen und Schutz vor Schiffbruch wird vielmehr Beistand bei Installation und Debugging von Software, bei der Auftragsakquise, herannahenden Deadlines und vergessenen Passwörtern benötigt. Aus diesem Grund stellt die Riesenmaschine nach dem Vorbild eines Shinto-Schreins den Altar des Alltags her, an dem den unzähligen verschiedenen Göttern der Alltagsgüter und Gegenwartsprobleme gehuldigt werden kann.
Zu den Parallelwelten und Gegenöffentlichkeiten des Internets, die zum Teil durchaus kulturrevolutionäre Wirkungen haben, gehört Kathrin Passigs zusammen mit Sascha Lobo und Holm Friebe betriebene „Riesenmaschine“. Sie ist eines der Formate, die die Berliner Künstlergruppe um die diesjährige Bachmann-Preisträgerin im Rahmen ihrer „Zentralen Intelligenz Agentur“ entwickelt haben. Zwischen Web-Entwicklung, Trendlettern, u. a. für Markenprodukte, technischem und literarischem Übersetzen, journalistischen Beiträgen für Tageszeitungen und eigenen Buchpublikationen haben sie mit der Riesenmaschine ein Weblog gegründet, in dem eine ganze Reihe von – nicht nur – Berliner, und – nicht nur – jüngeren Autoren gewitzt über die Waren- und Alltagswelt philosophieren.
Es geht nicht generell um Kapitalismuskritik. „Wenn etwas gut gemacht ist und zu einer substanziellen Verbesserung des Lebens beiträgt,“ sagt Holm Friebe, „finden wir das super und schreiben das auch. Aber wir finden leider eben vieles Scheiße, und das schreiben wir dann auch so.“
Innerhalb von wenigen Monaten hat es die Riesenmaschine unter die 20 meistgelesenen Blogs in Deutschland geschafft. Seit Juni 2005 kommentieren hier über 30 Autoren das warenförmige Zeitgeschehen und erlauben sich Ausreißer in die Tierwelt, Weltraum- und Hirnforschung. Name und Logo stammen aus dem Jahrbuch „Das neue Universum“ aus den späten Fünfzigern.
„Fun ist ein Stahlbad. Die Vergnügungsindustrie verordnet es unablässig“, heißt es in Horkheimers und Adornos „Dialektik der Aufklärung“. Das sei unbestreitbar richtig, aber wenn man genau hinschaue, werde man feststellen, dass es sich dabei um ein gebürstetes Edelstahlbad handele. Diese Nuancen und Schattierungen in Warenform und Forschungsergebnissen wahrzunehmen, zu dokumentieren und angemessen zu kommentieren, ist Programm der Riesenmaschine, die im Juni 2006 mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet wurde.
Mit ihren experimentellen Arbeiten reihen sich die Berliner ein in eine junge Generation von Künstlern, die seit einiger Zeit die quasi-religiösen Formen des Kapitalismus und der Massenmedien darstellen und in ihren Bedeutungszusammenhängen offen legen. (L. P.)
Die für das Erlanger Poetenfest entwickelte Rauminstallation kann über das Poetenfest hinaus auf der Website altar.riesenmaschine.de besucht werden.
www.riesenmaschine.de
„Riesenmaschine TV“-Show mit Kathrin Passig und Sascha Lobo als Hosts, Holm Friebe (Regie) und Jan Bölsche (Technik): Samstag, 26. August, 20 Uhr, media.art.zentrum
24. bis 27. August 2006, media.art.zentrum - Eintritt frei!
Öffnungszeiten: Do/Fr, 24./25.8., 10–18, Sa, 27.8., 10–23, So, 28.8., 10–17 Uhr
|